Textschnipsel
Claudias Blick wanderte unverhohlen zu Ramonas durchtrainiertem Bauch und verweilte bei der Tätowierung unter ihrem Bauchnabel – ein schwarzes Fischsymbol.
»Ich wollte dich schon länger fragen: Hat dein Tattoo eine besondere Bedeutung?«
»Du kennst Ichthys, das christliche Symbol, nicht?« Ramona schüttelte kurz den Kopf. »Mein Vater ist an diesem Tattoo schuld. Das ist eine lange Geschichte.« Ramona holte ein paar Mal tief Luft und deutete dann kurz auf ihren Hals. »Die Kette mit dem Kreuz habe ich von ihm zu meiner Geburt bekommen. Sie ist ein Andenken an ihn – und an Gott.«
»Irgendwie hast du es ja mit der Religion«, bemerkte Claudia.
Dann drückte Ramona auf dem Display des Laufbandes auf Pause. Sowohl das Gerät als auch ihre Schritte wurden langsamer. Kichernd entgegnete Ramona: »Ich bin eine gläubige Sünderin.«
Seite 46
Leseproben
Ramona hielt ein kleines, daumengroßes Glasfläschchen in ihrer rechten Hand, das ebenso schwarz war wie ihre Fingernägel und ihre Kleidung. Die sehr kleine Öffnung des Fläschchens zeigte nach unten. Bei jedem Tropfen, der herauskam und auf den Boden der leeren Kaffeetasse darunter plumpste, zählte sie konzentriert und leise mit.
»…11, 12, 13, 14.« Ihre Gesichtszüge waren ernst, und die schwarz geschminkten Lippen unterstrichen diese Ernsthaftigkeit. Als sie bei 15 angekommen war, stoppte sie, drehte den Verschluss zu und stellte die Tasse unter den Kaffeeauslauf.
Anschließend schaute sie mit zusammengepressten Lippen aus dem Küchenfenster und betrachtete das Treiben auf der Straße, bevor sie zum Esstisch ging. Das Fläschchen steckte sie in die darauf liegende Handtasche und nahm Platz.
Kuppeldienste jeglicher Art, mit ihren in Zeitungen sowie anderen Medien propagierten verlockenden Kontaktangeboten, tangierten mich nicht. Zumindest bis zu meinem 18ten Lebensjahr. In meiner Jugend kam ich leicht und schnell an reizende Mädels. Auch die Stellenofferten der Branche waren mir trotz der hohen Gehaltsversprechungen egal und dafür gab es ebenfalls einen guten Grund. Den gängigen Weg hatte ich nicht nötig, um in einer Partneragentur an einen lukrativen Job zu kommen. Ich besaß Vitamin B – also B wie Beziehungen – und davon eine Überdosis. Mein Vater war Eigentümer einer renommierten, zudem einträchtigen Partnervermittlung in Deutschland, die in einigen Städten Nebenstellen betrieb. Mit seinem Beruf hatte er es zu einem ansehnlichen Vermögen gebracht.
Sie sah kurz in den mobilen Scheinwerfer. Das Licht blendete sie. Reflexartig schoss ihr Kopf zur Seite zu einem glatzköpfigen Mann, der ihr mit Jeanshose und Jeansjacke gegenüberstand. Ihr Blick schweifte weiter auf die Wiese, wo sich ein weiterer Mann befand. Er lag dort regungslos.
Es war nicht zu erwarten, dass er sich noch rühren würde. Das Blut, das von seiner Schläfe über das Gesicht gelaufen war, glänzte im künstlichen Licht und hob sich deutlich von seiner dunklen Haut ab.
Sie zuckte nervös mit den Schultern, fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.
»Schau ruhig genau hin, Alana«, sagte der Glatzkopf. Sein Gesicht war äußerst ernst. »Entsetzt? Du wusstest bei deiner Berufswahl, worauf du dich einlässt.«
Sie nickte, verzog dabei jedoch angewidert das Gesicht.
»Deswegen haben Sie mich angerufen und darum sollte ich sofort kommen?«, fragte sie.